Die Autoindustrie gewinnt Vertrauen und steht vor immensen Herausforderungen

von Björn Sievers, Managing Director Technology & Media
  • Studien & Insights
22. Juni 2017
Autoindustrie gewinnt Vertrauen

Die gute Nachricht zuerst: Nach einem Einbruch im vergangenen Jahr halten inzwischen die meisten Menschen die Automobilbranche wieder für vertrauenswürdig. Das geht aus dem Edelman Trust Barometer 2017 hervor, der größten globalen Studie zum Thema Vertrauen u.a. in Unternehmen. Und dennoch, die eigentliche Aufgabe haben die Autohersteller noch vor sich.

Auslöser für den deutlichen Rückgang beim Vertrauen in die Automobilbranche 2016 war die Affäre um manipulierte Abgaswerte von Dieselfahrzeugen aus dem VW-Konzern. Der Betrug, den die US-Umweltbehörde EPA nachgewiesen hatte, hat nicht nur die gesamte Branche in eine Glaubwürdigkeitskrise gestürzt - in Deutschland sackte der Vertrauenswert von 61 auf 41 Prozent, global immerhin noch von 66 auf 60 Prozent. Auch das Label Made in Germany war angekratzt. Die Vertrauenswerte für deutsche Unternehmen waren weltweit zurückgegangen.

In diesem Jahr ist das alles fast vergessen - zumindest auf globalem Level. Mit 65 Prozent liegt der Vertrauenswert für die Automobilbranche wieder auf dem Niveau der vergangenen Jahre, seit 2012 ergibt sich sogar ein Plus von drei Punkten. Auch in Deutschland halten wieder deutlich mehr Menschen die Autohersteller für glaubwürdig: Das Edelman Trust Barometer zeigt ein Plus von sieben Punkten auf 48 Prozent. Immerhin. Die Zahlen passen zum weltweiten Autoabsatz von Volkswagen. Der Konzern hat 2016 insgesamt 10,3 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert, 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

Schlusslicht Automobilbranche

Das große Aber zeigt sich, wenn man den deutschen Vertrauenswert mit den 27 weiteren untersuchten Märkten vergleicht: Die deutsche Automobilbranche liegt gleichauf mit Irland und Schweden - am Ende der Liste. In keinem anderen Markt der Welt vertrauen weniger Menschen der Automobilbranche. Und für keinen Markt der Welt ist dieses Ergebnis fataler als für Deutschland. Schließlich bildet die Automobilbranche mit den großen deutschen Herstellern und ihren Zulieferbetrieben neben dem Maschinenbau und der Chemie das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft.

Anders formuliert: Der Wohlstand in Deutschland hängt zu einem großen Teil an der Autoindustrie. Das bedeutet auch, dass Volkswagen, Daimler und BMW dringend ihre Hausaufgaben erledigen müssen, weil sonst der gesamte Motor deutsche Volkswirtschaft zu stottern beginnt. Die Aufarbeitung der Dieselaffäre gehört dazu. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch woanders. Die Branche steht vor der gewaltigen Aufgabe, gleichzeitig von der Verbrennungstechnik zum Elektroantrieb umzusteigen und autonom fahrende Autos zu entwickeln - beides für ein effizienteres und umweltfreundlicheres Verkehrssystem.

Das heikle Thema neue Technologien

Der tiefere Blick ins Edelman Trust Barometer verrät, dass auf diesem Weg noch einige Stolpersteine zu überwinden sind, allen voran beim Thema autonomes Fahren. Die Studie findet nur in sieben der untersuchten 28 Märkte überwiegend Vertrauen in diese neue Technologie. Während die Menschen in Indien, Indonesien und China den Herstellern einen Vorschuss geben, sind die Befragten in 16 Märkten in der Mehrheit skeptisch, u.a. in der Autonation USA.

Besonders schlecht sieht es in Deutschland aus. Nur 29 Prozent der Menschen geben an, dass sie den Eindruck haben, die Hersteller seien im Bereich autonomes Fahren auf dem richtigen Weg. Das ist nicht nur der zweitschlechteste Wert überhaupt (nach Irland mit 26 Prozent), er ist zudem seit 2016 um sechs Punkte gesunken. Nur in Australien, Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten verzeichnet das Trust Barometer einen größeren Rückgang - gegen den weltweiten Trend von mehr Vertrauen in autonom fahrende Fahrzeuge. Die klare Botschaft: Die Hersteller müssen mehr tun, um die Technologie autonomes Fahren zu erklären, damit die Menschen ihre Vorbehalte abbauen. Immer vorausgesetzt natürlich, dass sie es schaffen, mit dem autonomen Fahren nicht nur den Komfort, sondern auch die Sicherheit zu erhöhen.

Vorbild Internet of Things

Dass es gelingen kann, Vertrauen in neue Technologien aufzubauen, zeigt das Beispiel Internet der Dinge. Der Sammelbegriff beschreibt Technologien, die das intelligente Zuhause ebenso wie vernetzte Logistikketten und Produktionsanlagen ermöglichen. In fast allen untersuchten Ländern sind die Werte gegenüber 2016 im zweistelligen Punktebereich gestiegen, in Japan sogar um 38 Prozent, in Italien und Hong Kong um 32 Prozent.

Auch der Vertrauenszuwachs hierzulande um 16 Punkte kann sich sehen lassen. Allerdings hält Deutschland mit einem Wert von nur 42 Prozent zusammen mit Schweden das Schlusslicht.

Chance für die Autobauer

Für die Automobilbranche lassen sich die Ergebnisse des Edelman Trust Barometers als Chance bewerten. Anders als Banken und Finanzdienstleister, die sich seit der Finanzkrise 2008 nur sehr langsam erholen, konnten die Autohersteller bereits nach kurzer Zeit Vertrauen zurückgewinnen. Für nachhaltigen Erfolg und ihre eigene Zukunftssicherheit ist es unerlässlich, dass sie ehrlich, offen und transparent kommunizieren - nach innen ebenso wie nach außen. Sonst kann es sein, dass die Menschen ihnen die nächste Krise nicht so schnell verzeihen.

Hinzu kommt, dass gerade autonom fahrende Autos die Geschäftsmodelle in der Branche umkrempeln werden. Schon heute hat das eigene Auto in der jüngeren Generation bei weitem nicht mehr denselben Stellenwert wie in den vergangenen Jahrzehnten. Junge Großstadtbewohner organisieren ihre Mobilität anders als ihre Eltern: mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Carsharing, dem Fahrrad - und der Hilfe von Apps.

Die Autobranche wird sich neu erfinden müssen. Das eigene Auto wird in zehn Jahren noch seltener die Antwort auf das Bedürfnis nach Mobilität sein. Vielmehr wird Mobilität sein wie das Internet: (fast) immer verfügbar, wenn man sie braucht. Als autonom fahrendes Auto, Kleinbus oder gemietetes Fahrrad für die Kurzstrecke. Autohersteller investieren bereits in diesen Bereich. Sie werden diese Engagements weiter ausbauen - und in der Kommunikation werden sie die Frage beantworten müssen, wie sie unter neuen ökonomischen Rahmenbedingungen eine enge Beziehung zwischen ihrer Marke und den Menschen aufbauen.

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